Verbraucherpolitik für Migrantinnen und Migranten II

Aus ArbeitslehreWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Fokus dieses Artikels ist auf die Verbraucherpolitik für Migrantinnen und Migranten gerichtet. Es stellt sich die Frage, ob es eine explizite Verbraucherpolitik für Menschen mit Migrationshintergrund geben sollte und wie diese Verbraucherpolitik gestaltet werden muss.


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Integration und Verbraucherpolitik stehen in direktem Zusammenhang, da die Einbindung in das gesellschaftliche Leben in erster Linie über den Alltag geschieht. Für mögliche Benachteiligungen von Migrantinnen und Migranten ,die sich auf das Verbraucherverhalten auswirken, sollen Lösungsansätze dargestellt werden. Das Ziel ist die Stärkung der Position der Verbraucher, d.h. die Schaffung von Rahmenbedingungen, welche eigenverantwortliches und sicheres Agieren im Alltag ermöglichen.


Bedeutende Aspekte migrationsbezogener Verbraucherpolitik[1]

Wichtige Aspekte in der Verbraucherpolitik für Menschen mit Migrationshintergrund sind in erster Linie die Sprache, die Betrachtung des sozio-kulturellen Hintergrundes, des Bildungsniveaus und sich daraus ergebender Möglichkeiten, aber auch Ausgrenzungen im Verbraucheralltag. Vom umfänglichen sowie inhaltlichen Beratungsbedarf unterscheiden sich die Fragestellungen der Migrantinnen und Migranten zur Verbraucherpolitik nicht so sehr von denen der Mehrheitsgesellschaft. Meist geht es um Konsumprobleme wie Verschuldung, Handyverträge, Versicherungen, Kredite, Händeln des Familienbudgets, nachhaltigen Konsum, Energiesparen, usw. Ein Unterschied besteht oft in der Art und Weise sich Rat zu holen. Die freie staatlich und wirtschaftlich unabhängige Institutionen wie die Verbraucherzentrale oder –ratgeber wie Stiftung Warentest sind vielen Migrantinnen und Migranten einfach nicht bekannt bzw. wenden sich aufgrund o.g. Hemmnisse nicht an entsprechende Institutionen oder können sie nicht nutzen. Ein weiterer Unterschied besteht im sozialen Umfeld und den Kommunikationsbarrieren. Es entwickelt sich daraus oft ein Problem, eine Barriere, die als Schwellenangst bezeichnet wird.


Sprachbarriere

Die Sprache ist dabei eines der Hauptprobleme. Verträge, Anschreiben oder persönliche Beratungen werden meist nicht verstanden. Um Sachverhalte richtig verstehen zu können, reichen Grundkenntnisse der deutschen Sprache nicht aus. Beeinträchtigte Sprachkenntnisse hängen oft auch mit der Tatsache zusammen, dass einige Migrantengruppen dem Prozess der Segregation erlegen sind.


Segregation

Segregation im Allgemeinen bedeutet laut Duden „Absonderung einer Menschengruppe aus gesellschaftlichen, eigentumsrechtlichen oder räumlichen Gründen“. Bezogen auf Menschen mit Migrationshintergrund bedeutet dies, das sie in sozial geschlossen Gruppen, den sogenannten Parallelgesellschaften leben. Dabei sollen jedoch nicht alle in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten pauschalisiert werden. Dennoch ist dieses „Phänomen“ besonders unter der türkisch stämmigen Community zu beobachten. Als Beispiel seien hier die Berliner Bezirke Neukölln, Wedding oder Kreuzberg genannt, welches im Volksmund auch als „Little Istanbul“ bezeichnet wird. Es gibt dort alles, was sie zum täglichen Leben brauchen, alles in ihrer Muttersprache, ob nun Banken, Lebensmittelgeschäfte, einen türkischen Markt oder Ärzte. Auch in anderen Städte wie Köln oder Frankfurt gibt es solche Stadtteile. Gründe dafür sind im sozio-kulturellen Hintergrund zu suchen, d.h. sie leben in erweiterten Familiennetzen, in denen verschiedene Aufgaben verteilt und durch Familienmitglieder mit dem entsprechenden Know How gelöst werden.


Sozio-kultureller Hintergrund

Bei vielen Migrantengruppen steht die Familie im Zentrum. Vertrauen und direkter Kontakt sind daher sehr wichtig. Dies sollte deswegen auch im täglichen Leben berücksichtigt werden, wenn Kontakt gesucht wird.


Niedriges Bildungsniveau

Zu den mangelnden Sprachkenntnisse kommt häufig noch ein niedriges Bildungsniveau hinzu. Die Motivation sich zu bilden bzw. die Sprache der Mehrheitsgesellschaft, in diesem Falle Deutsch, zu erlernen, ist gering, da oftmals die Notwendigkeit nicht gesehen wird. Die Lebensplanung erfolgt oft in engem Bezug o.g. Familiennetzwerke. Es sollen hier aber nicht alle Migrantinnen und Migranten sowie Mitbürger mir Migrationshintergund pauschalisiert werden. Jedoch ist bei türkisch stämmigen Mitbewohnern dieses Phänomen zu beobachten.


Niedriger Sozialstatus

Ohne oder mit einem schlechten Schulabschluss ist der Weg in die Berufswelt schwieriger, Aufstiegschancen sind kaum vorhanden. Dies führt zu einem geringeren Einkommen, sodass diese Gruppe oft auch einen niedrigen Sozialstatus hat. Diese Tatsache vereinfacht das Zurechtfinden in der Konsumwelt nicht. Verschuldungen sind die Folge.


Schwellenangst

Das alles führt zu einer Unsicherheit, die sich in Schüchternheit und Zurückhaltung im täglichen Leben ausdrückt. Es kommt bei den Migrantinnen und Migranten zu einer Blockade bei der Kontaktaufnahme. Sie kennen oft nur den Kontakt von Angesicht zu Angesicht, Vertrautheit spielt dabei eine wichtige Komponente, Anonymität ist dabei störend. Dazu gehören zum Beispiel auch telefonische Absprachen. Persönliche Beziehungen zu der Person, mit der ein Vertrag oder eine Versicherung abgeschlossen wird, stehen im Vordergrund. Auch wenn eine staatlich und wirtschaftlich unabhängige Institution eine objektivere, individuellere, hilfreiche und somit bessere Beratung geben kann. Ein Berater der Verbraucherzentrale, Herr Ömer (Türke), der ausschließlich Montags für zwei bis drei Stunden für eine türkische Beratung vor Ort in der Verbraucherzentrale ist, führt aus, dass bei seinen Landsleuten Haustürgeschäfte sehr beliebt seien. Sie befinden sich dabei zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung, fühlen sich sicher und den Verhandlungen gewachsen. Oft werden ihnen aber die einzelnen Vertragsklauseln nicht richtig erklärt und sie selbst verstehen den Vertragstext nicht und unterschreiben einfach, auch wenn die gerade abgeschlossene Versicherung völlig überflüssig ist. Außerdem schließen sie lieber einen Kredit bei dem „Berater ihres Vertrauens“ ab, auch wenn sie bei ihm einen viel höheren Zinssatz zahlen müssen. Erklären lässt sich diese Vorgehensweise wiederum mit dem sozio-kulturellen Hintergrund. Ein türkisches Sprichwort besagt: „Schulden peitschen den Mann zum Helden“ (Borc yigidin kamcisdir). Zum einen werden finanzielle Bedürfnisse befriedigt und zum anderen findet eine gesellschaftliche Demonstration finanzieller Möglichkeiten statt. Zu welchem Preis dies geschieht, wird nicht öffentlich. Der Unwissenheit über Inhalte, Abwicklungsmodalitäten und Folgen von Vertragsabschlüssen, Versicherungen, Krediten oder ganz einfach „Wie wirtschafte ich mit dem mir zur Verfügung stehendem Geld?“, ist entgegenzuwirken. Dabei ist es vorrangig, dass Verbraucherzentralen mit entsprechend ausgebildeten Beratern, insbesondere bezüglich der Sprachkenntnisse, bekannter werden müssen. Es ist die Aufgabe der Verbraucherpolitik Vertrauen zu schaffen und Lösungsansätze zu entwickeln, die die Verbraucherzentralen umsetzen können.



Lösungsansätze[2]

In letzter Zeit sind all die Problematiken auch von den Verbraucherzentralen und von der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. erkannt wurden. Nun werden Lösungen entwickelt, den Bekanntheitsgrad der Verbraucherzentralen in den Migrantenkreisen zu erhöhen und somit den Konsumproblemen und der Verschuldung bei Mirgrantinnen und Migranten entgegenzuwirken. Hierbei wird zum einen unterschieden in direkte Zugangswege wie die Einbindung in Netzwerke, direkter Kontakt zur Zielgruppe, ortsnahe Kontakte sowie niedrigschwellige Kommunikation / Dolmetscher, und zum anderen in indirekte Zugangswege über Medien. Ein direkter Zugangsweg ist der Besuch der Verbraucherzentrale. Eine andere Möglichkeit besteht in Form der Online-Nutzung, dem Internet. Man kann sich demzufolge Verbraucherinformationen rund um die Uhr und ortsunabhängig beschaffen. Für individuelle Fragen gibt es immer noch die Möglichkeit über E-Mail Kontakt oder einer telefonischen Beratung. Trotz dieses guten Beratungsangebotes ist die Institution Verbraucherzentrale bei den Migrantinnen und Migranten oft recht unbekannt. Dem gegenüber steht aber, dass eben diese Zielgruppe mit der Fülle des Waren- und Dienstleistungsangesbotes und dem unübersichtlichen Marktstrukturen überfordert ist.


Direkte Zugangswege

  • Einbindung in Netzwerke: zum Beispiel: Sozialberatungen, Migrantenbetreuung, Vereine
  • Direkter Kontakt zur Zielgruppe: zum Beispiel: über Schulen, Moscheen, Vereine und Migrantenorganisationen
  • Ortsnahe Kontakte: Verbraucherzentralen sollten u.a. aufgrund der Segregation in Großstädten die Initiative ergreifen, möglichst ortsnahe Kontakte entstehen und entwickeln zu lassen.
  • Zielgruppenorientierung: wie zum Beispiel Migrantenorganisationen
  • Niedrigschwellige Kommunikation: Eingehen auf die vorhandenen Sprachkenntnisse der Zielgruppe, zum Beispiel mit der Methode „Easy to read“
  • Dolmetscher: ist von Vorteil bei der direkten Kommunikation, in Gesprächen über technische, wirtschaftliche oder juristische Sachverhalte


Indirekte Zugangswege[3]

Diese werden über Medien impliziert, zum Beispiel können gezielte Beiträge über verbraucherspezifische Themen in Tageszeitungen, im Radio oder im Fernsehen eingesetzt werden. Dazu wurde in der Studie „Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft“[4] das Mediennutzungsverhalten zweier großer Migrantengruppen, die türkische und russische Community, in Deutschland analysiert, um herauszufinden, wo man gezielt mit Verbraucherthemen ansetzen kann.


  • Fallbeispiel: Russische Community

Bei den Mitbürgern aus der ehemaligen Sowjetunion ist festgestellt worden, dass bei ihnen ein ausgeprägtes Leseverhalten vorhanden ist. Dies drückt sich unter anderem in den hohen Auflagen der russischen Printmedien aus. In der Zeitung „Berlinskaya Gazeta“ und Europa Ekspress ist das Themenfeld „Verbraucherratgeber“ ein fester Bestandteil. Die Leser erhalten Tipps und Hinweise zur „Produktberatung, Rechtsberatung, Kreditberatung, Gesundheit, Bauen, etc.“[5] Eine Umfrage ergab, dass ca. 80% der Teilnehmenden diese Seite nutzen.

Neben den Printmedien wird vor allem das Fernsehen als Hauptkonsumquelle genutzt. Die Nutzung deutscher Medien ist dabei relativ hoch. Gründe dafür können die größere Bereitschaft zur Integration sein, die Sprache schnell erlernen zu wollen und dadurch das bessere und schneller Einfügen in die Mehrheitsgesellschaft. Deswegen ist auch das Radio sehr präsent. In beiden Medien sind Sendungen, Beiträge, Reportagen, Berichte, usw. über Verbraucherthemen ein fester Bestandteil, sodass im russischsprachigen Fernsehen oder Radio nicht unbedingt zusätzlich eine Initiative der Verbraucherzentralen ausgehen muss die Menschen darüber zu informieren.


  • Fallbeispiel: Türkische Community

Im Gegensatz zu den Mitbürgern aus der ehemaligen Sowjetunion besteht bei den bei der türkischen Migrantengruppe ein eher gering entwickeltes Leseverhalten. Meist wird die bekannte türkische Tageszeitung „Hürriyet“ gelesen. Hier gebe es also eine Möglichkeit Verbraucherthemen gezielt zu platzieren. Mehr als Zeitungen und Zeitschriften wird jedoch das Fernsehen genutzt. Die tägliche Nutzungsdauer liegt bei 4 ½ Stunden[6].



Quellen

  1. Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007. S 65, ff
  2. Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007. S 75, ff
  3. Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007. S. 86, ff
  4. Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007.
  5. Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007., S. 94
  6. Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007. S 86

Literatur

Gestring, Norbert/ Janßen, Andrea/ Polat, Ayca: Prozesse der Integration und Ausgrenzung. Türkische Migranten der dritten Generation. Wiesbaden 2006.   Butterwegge, Christoph/ Hentges, Gudrun (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik. Wiesbaden 2006.   Hormel, Ulrike/ Scherr, Albert: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Perspektiven der Auseinandersetzung mit struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierung. Wiesbaden 2004.


Baaden, Andreas: Konzepte und Modelle zur Integration von Aussiedlern. Schriftenreihe Aussiedlerintegration. Berlin 1997.


Ceylan, Rauf: Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Cafés. Wiesbaden 2006.


Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Migranten und Konsum: kompetent, informiert, integriert. Dokumentation der Tagung am 30. Oktober 2007.


Studie im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.: Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft. Tatiana Lima Curvello. Berlin. 1. Oktober 2007.



Weblinks

http://www.inprom.com/de/ethno-marketing_de.htm l

http://www.verbraucherbildung.de/projekt01/media/pdf/Studie%20-%20Verbraucherschutz%20in%20der%20Einwanderungsgesellschaft.pdf   http://www.bmi.bund.de/Internet/Content/Common/Anlagen/Broschueren/2006/Migrationsbericht__2005,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/Migrationsbericht_2005.pdf


http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2007/07/Anlage/2007-10-18-nationaler-integrationsplan,property=publicationFile.pdf


http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/BeauftragtefuerIntegration/beauftragte-fuer-integration.html


http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=6381&edit=0, Stand 2003



Interview

Frau Mackert: Mitarbeiterin bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv.ev) in Berlin

Herr Ömer, freier Mitarbeiter in der Verbraucherzentrale

Lehrende Statements der Lehrenden, Experten und Expertinnen zur Qualität:


- doppelte Einleitung

- interne Verlinkung: fehlt

- externe Verlinkung: auch im Text relevante akteure und Themen verlinken

- für Wiki-Artikel zu lang - bitte sinnvoll kürzen

- mit Wiki Artikel Verbraucherpolitik für MigrantInnen I verbinden

- Umgang mit Quellen: wenn Interviewpartner benannt werden bitte Erlaubnis einholen

- Sprache: themensensible Sprache verwenden

Persönliche Werkzeuge