Sozialisation bei einem chronisch kranken Menschen, Interview
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Unter Sozialisation versteht man allgemein den Prozess sowie das Ergebnis des Hineinwachsens des Menschen in die Gesellschaft. Der folgende Artikel soll einen Einblick in die möglichen Probleme eines chronisch kranken Menschen bei der Sozialisation geben. Als chronische Erkrankung steht die chronische Niereninsuffizienz im Mittelpunkt.
Dieses Thema wurde im Rahmen des Seminars „Sozialisationsprozesse im privaten Haushalt“ an der TU-Berlin an Hand eines aufgezeichneten Interviews vorgestellt.
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Niereninsuffizienz
Die chronische Niereninsuffizienz ist eine Erkrankung, bei der als Folge des fortschreitenden Funktionsverlustes der Nieren eine Nierenersatztherapie die einzige Form der Lebenserhaltung darstellt. Die Medizin bietet drei Möglichkeiten der Nierenersatztherapie, die Hämodialyse, die Peritonealdialyse und die Nierentransplantation, um die natürliche Funktion der verlorenen gegangenen Nieren zu ersetzen. In Kurzform präsentiert, wird bei der Hämodialyse das vergiftete Blut extrakorporal (via Nadeln) gereinigt. Bei der Peritonealdialyse erfolgt die Reinigung über das Bauchfell, wobei die Entgiftung mittels eines fest eingesetzten Katheters erfolgt. Und bei der Nierentransplantation erhält der Nierenkranke die Spenderniere eines anderen Menschen (Vgl dazu. [1])
Ein wichtiger Aspekt ist, dass alle drei Therapien einen starken Einfluss auf den Tages- bzw. Wochenablauf haben, z.B. die regelmäßige Einnahme von Tabletten oder die häufigen Arztbesuche. Insbesondere bei den beiden Dialyseformen sind die Niereninsuffizienten an einen vorgeplanten Tages- bzw. Wochenplan gebunden. Während diejenigen, die mit der Hämodialyse therapiert werden, dreimal pro Woche vier bis sechs Stunden (ca. 21 Stunden pro Woche, eingeschlossen Hin- und Rückfahrt) dafür fest einplanen müssen, müssen die Peritonealdialysepatienten täglich ein bis zwei Stunden bzw. acht Stunden bei der nächtlichen Variante in ihren Tagesablauf integrieren. Somit ist an ein „normales“ Alltagsleben nicht zu denken. Es gibt noch diverse Nebenwirkungen, die mit der Nierenersatztherapie einherziehen, die ebenso starken Einfluss auf den Alltag des chronisch Kranken nehmen, z.B. häufige Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, geringe physische Belastung usw. .
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Alltag z.T. nach der Erkrankung ausgerichtet werden muss, was insbesondere spontane Tätigkeiten einschränkt. Am Familienleben und im Freundeskreis kann man nicht immer in der Art teilnehmen, wie man es sich vielleicht wünscht. Diese Einschränkung wird insbesondere im Jugendalter als sehr belastend erlebt, da man sich ausprobieren, seine Grenzen entdecken will und vor allem mit den anderen mithalten möchte.
Interviewziel
Das Interview mit einem Menschen, der seit jungen Jahren chronisch krank ist und somit dieses doch eingeschränkte Leben führen muss, bietet viele diverse Fragestellungen, z.B. wäre es interessant zu erfahren, wie der Jugendliche darauf reagierte, als er erfuhr, dass er nur noch mit einer Nierenersatztherapie langfristig überleben könne (Akzeptanz, Angst, Widerstand, Hass, …). Ebenso könnte erfragt werden, wie sich dadurch seine Zukunftspläne verändert haben.
Ich wollte aber gern mittels des Interviews von einem chronisch kranken Menschen, der in jungen Jahren erkrankte, einen Eindruck erhalten, wie er von seiner Umwelt aufgenommen wurde. Wie spürbar war die chronische Erkrankung in der Familie, in der Schule bzw. in der Ausbildung? Wurde er gehänselt oder wurde er unterstützt? Stand er als Person im Vordergrund oder die Krankheit?
Das Interview wurde mit einem Erwachsenen durchgeführt, der heute Ende 20 ist. Das hatte für mich den Vorteil, dass er im Rückblick über seine Jugend diese schwere Phase wahrscheinlich besser bewährten konnte, als wenn er erst vor kurzem krank geworden wäre. Somit lautete meine Hauptfragestellung: „Wie hat die Umwelt eines Jugendlichen mit chronischer Niereninsuffizienz auf diesen reagiert und wie ging der betroffene Jugendliche damit selbst um?“
Begründung für das ausgewählte Interviewziel
Chronisch kranke Menschen werden zum Teil in der Familie fürsorglich, manchmal überfürsorglich behandelt, man versucht alle Probleme abzunehmen bzw. abzuwenden, mit dem Ziel den Erkrankten bzw. die Erkrankte zu entlasten. Die Bindung ist meistens sehr eng, da es nicht vorstellbar ist, dass die Person selbstständig sein kann. Die Erkrankung und ihre Folgen wird für einige, meistens für die Eltern, zum Mittelpunkt ihrer Tätigkeiten, der Sinn ihres Seins. Das Loslassen, wenn der chronisch kranke Mensch das Familienhaus verlässt, fällt dann sehr schwer. Vor allem Geschwister, die nicht krank sind, können darunter leiden, dass die Eltern sich weniger Zeit für sie nehmen, daher kann es zu einem Hassgefühl auf den chronisch kranken Bruder bzw. die chronisch kranke Schwester kommen.
Des weiteren wird der chronisch kranke Jugendliche in der Schule mit der Folge seiner Erkrankung konfrontiert. Es gibt Mitschüler, die den Erkrankten hänseln / ärgern, z.B. wegen seiner Narben. Meistens verstehen sie die Situation des Erkrankten nicht, lachen ihn aus wegen einer Sache, für die er nichts kann (z.B. die häufige Müdigkeit, Kleinwuchs). Aber es gibt auch Klassen, wo der Erkrankte integriert ist, wo er und nicht die Erkrankung im Vordergrund stehen.
Auch im Kontakt mit Freunden können sich Veränderungen in der Beziehung zeigen. Möglich wäre eine Reaktion darauf, dass er nicht mehr dasselbe Leben führen kann, sondern dass man mehr Rücksicht auf ihn nehmen müsste. Auch wäre eine Ablehnung oder Entfernung möglich.
Deshalb ergab sich für mich ein Fragenkatalog, der die Bereiche Familie, Schule und Freunde berücksichtigte.
Fragenkatolog
Familie
- Haben Deine Eltern im Alltag spürbar Rücksicht auf Deine Erkrankung genommen?
- Stand die Erkrankung im Mittelpunkt der Tätigkeiten/ der Gespräche? Wenn ja, welche waren das?
- Wie haben Deine Eltern über Deine Erkrankung sich mit Dir unterhalten?
- Wie haben sie versucht, Dir zu helfen?
eventuell
- Hast Du Geschwister? Sind sie auch krank?
- Wenn ja, gab es die Möglichkeit, sich auszutauschen, gemeinsam auch Stärken zu entwickeln oder zu entdecken?
- Wenn sie dagegen gesund sind, hast Du den Eindruck, dass Deine Eltern Dich anders behandelt haben als Deine Geschwister?
- Wie haben Deine Geschwister auf die vermeintliche „Bevorzugung“ von Dir reagiert?
- Mit welchem Alter/ in welchen Situationen gab es negative Reaktionen der Geschwis-ter auf das Umgehen Deiner Eltern mit Dir bzw. mit Deiner Erkrankung?
- Wie stand Deine restliche Familie zu Dir?
- Gibt es Familienangehörige, die nach der Diagnose besonders nahe standen?
Schule
- In welcher Zeit/in welcher Klassenstufe wurde die Erkrankung diagnostiziert?
- Haben Deine Mitschüler von Anfang an Deine Erkrankung gekannt? In welchen Situationen wurden sie mit Deiner Erkrankung oder (vermeintlichen) „Sonderbehandlungen“ durch den Lehrer konfrontiert?
- Haben Dir die Mitschüler Fragen zu Deiner Erkrankung gestellt?
- Hattest Du Probleme auf Grund der Erkrankung? (Hänseln, Auslachen, …)
- Warst Du in der Klasse integriert?
- Wie hat der Lehrer dich behandelt? Hat er Dich bevorzugt?
- Wie hat der Lehrer geholfen, um Dich in die Klassengemeinschaft zu integrieren?
Freunde
- Wie haben Deine Freunde reagiert, als sie von Deiner Erkrankung erfuhren (Akzeptanz, Ablehnung, Distanz, …)?
- Gab es nach der Diagnose der Erkrankung Veränderungen im Freundeskreis (neue Freunde, ggf. auch aus betroffenen Familien; alte Freunde verloren)?
- Aus welchen Gründen gingen Freundschaften in die Brüche? – Gibt es Zusammenhänge mit der Erkrankung?
Nachtrag
Alle Fragen wurden an eine Person gestellt. Die Auswertung wäre wahrscheinlich noch inten-siver ausgefallen, wenn man die Eltern, Geschwister, Mitschüler und Freunde der befragten Person befragen könnte.
Auswertung (zusammengefasst)
Die befragte Person bestätigte, dass sie sich voll in der Familie, in der Schule und im Freundeskreis integriert gefühlt hatte und in keiner Weise mehr als nötig bevorzugt worden war.
Weblinks
Informationen zur Dialyse und zur Transplantation:
- ↑ http://www.kfh-dialyse.de/cnv/index.html (Stand: 03.03.2008) und http://www.kfh-dialyse.de/nierentransplantation/index.html (Stand: 03.03.2008)
weiterer Weblink:
Nierenkranke, Angehörige und Pflegepersonal wechseln ihre Erfahrungen, Sorgen und ihr Wissen in einem Forum aus: http://www.dialyse-online.de (Stand: 03.03.2008)

