Frankfurter Küche

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Frankfurter Küche

Im diesem Abschnitt wird die Entwicklung der Frankfurter Küche und deren Tragweite für die nachfolgende Entwicklung der Hauswirtschaft thematisiert.

Begriffsklärung

Der Ausdruck der „Frankfurter Küche“ bezeichnet die im Jahr 1926 von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) entworfene Küche für die berufstätige Frau. Dies geschah im Auftrag des damaligen F r a n k f u r t e r Siedlungsdezernenten Ernst May. Damit entwickelte sie eine grundsätzliche Idee zur Rationalisierung der Arbeitsabläufe im privaten Haushalt. Margarete Schütte-Lihotzky entstammt einem bürgerlichen Elternhaus. Die Tochter eines österreichischen Staatsbeamten war die erste Studentin im Fach Architektur in Österreich. Seit 1926 war sie als Architektin im Baudezernat (Hochbauamt) der Stadt Frankfurt am Main in der Abteilung „T“, stehend für Typisierung, Standardisierung und Normierung von Bauteilen, tätig.[1] Sie „[…] war eine der ersten sozial engagierten Architektinnen, die sich für eine radikale Veränderung und Rationalisierung von Wohnbau und Wohnungseinrichtungen für berufstätige Frauen einsetzte.“[2]

Entstehungsgründe

Erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Frankfurter Küche nahmen zwei Gegebenheiten, mit denen Margarete Schütte-Lihotzky Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Kontakt kam.

  • Das Taylorsystem wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem US-amerikanischen Ingenieur Frederick Winslow Taylor (1865-1915) erarbeitet. Der Begriff bezeichnet eine „[…] Rationalisierungsmethode, der Untersuchungen von Bewegungsabläufen einzelner Arbeitsverrichtungen zugrundeliegen [!].“[3] Hierbei wurde mittels Stoppuhr die für die einzelnen Handgriffe in der industriellen Fertigung benötigte Zeit gemessen. „Durch eine neue Gliederung der zeitlichen Abläufe konnte die für dieselbe Arbeit notwendige Zeit herabgesetzt werden. Die Gewinne waren erstaunlich.“[4]
  • Im Jahr 1913 erschien in New York das Buch „The New Housekeeping. Efficiency Studies in Home Management“ von Christine Frederick. Sieben Jahre später wurde es von der SPD-Reichstagsabgeordneten Helene Witte ins Deutsche übersetzt und erschien mit dem Titel „Die rationelle Haushaltsführung“[5]. Darin werden die Arbeitsvorgänge in der Küche nach dem Prinzip des Taylorismus untersucht. Dabei beschäftigt sich die Autorin „[…] eingehend mit den allgemeinen Werten und Grundlagen arbeitssparender Haushaltsführung für die Frau der Zukunft, jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Wohnungsbau.“[6] Resultierend daraus wurde die Anschaffung elektrischer, arbeitssparender Haushaltsgeräte für den privaten Gebrauch befürwortet.[7]

Als Architektin gelang es Margarete Schütte-Lihotzky, das Wissen beider Aspekte zu kombinieren und auf den Wohnungsbau zu übertragen. Mit Hilfe der dargestellten Möglichkeiten einer optimierten, d. h. arbeitssparenden Haushaltsführung entwickelte sie verschiedene Modelle für den Bereich der Küche. Ihr Anliegen war es, die Handlungsabläufe der Hausarbeit zu rationalisieren und zu vereinfachen. Die berufstätige Frau sollte dadurch weniger Zeit in der Küche und mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Ein zusätzliches Ziel war es, eine Vielzahl an ergonomischen und praktischen Gesichtspunkten bei ihren Entwürfen zu berücksichtigen.

Gestaltung

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es in Frankfurt am Main verbreitet, dass sich Wohn- und Essplatz in demselben Raum befanden. Bei der Planung neuer Wohnprojekte ließen es die finanziellen Mittel nicht zu, eine Essküche und ein Wohnzimmer zu bauen.[8] Infolgedessen haben sich die Architekten des Hochbauamtes für eine „[…] reine Arbeitsküche mit dem Essplatz in einem daran anschließenden Wohnzimmer entschieden […]“[9]. Aufgrund der beträchtlichen Aufenthaltszeit in der Küche sollte dieser Raum einen eigenen Wohnwert besitzen. Zur Ermittlung der optimalen Gestaltung wurden umfassende Untersuchungen durchgeführt. „Die für die verschiedenen Küchenarbeiten benötigte Zeit wurde, wie beim Taylorsystem, nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten mit der Stoppuhr abgemessen.“[10] Die Studie ergab „[…] einen länglichen, verhältnismäßig schmalen Raum […]“[11], der über viel Stellfläche an den zwei Längsflächen und kurze Wege verfügte. Als Vorbild diente die bewerte Speisewagenküche der Eisenbahn, die ausreichend Platz für zwei arbeitende Personen sowie genügend Geschirr für ca. hundert Reisende bot.[12]

Die konstruierte Küche mit einer Breite von 1,90 m und einer Länge von 3,40 m war nicht nur durch die übliche Küchentür, sondern auch durch eine breite Schiebetür vom kombinierten Wohn- und Essraum zu erschließen. Durch diese Innovation konnte dem vorgeschriebenen Abstand von 3 m vom Küchenarbeitsplatz bis zum Esstisch entsprochen werden. Die Öffnung zum Wohnbereich zog mehrere Vorteile nach sich. Küchenarbeit, Kommunikation mit anderen Familienmitglieder und Kinderbetreuung konnten dadurch parallel stattfinden. Dank der eminenten Kompaktheit der Küche von 6,5 m² konnten kurze Wege und eine schnelle Erreichbarkeit der gewünschten Küchenutensilien garantiert werden. Die im gesamten Haushalt zu verrichtenden Arbeiten lassen sich thematisch in einzelne Bereiche untergliedern. Diese Tatsache wurde bei der Planung bzw. Strukturierung der so genannten Frankfurter Küche berücksichtigt, sodass aus zusammengefassten Themenbereichen verschiedene Arbeitsbereiche in der neu konzipierten Küche resultieren. Das geht mit dem Ziel der Wegeinsparung einher. (Speisekasten/Arbeitsplatte, Bügelbereich/Arbeitsplatte, Abwaschecke/Geschirr, Kochvorräte/ Topfschrank/Kochecke (im Uhrzeigersinn))

  • Gesamtansicht der Frankfurter Küche (Foto) [1]
  • Blick von der Schiebetür aus (Foto) [2]

Bei dem Entwurf der Frankfurter Küche wurde eine Fülle an ergonomischen und praktischen Aspekten realisiert. Dazu zählten verschiedene bauliche Grundlagen, welche im Folgenden aufgeführt werden:

  • Dunsthaube/Ventilationsschlauch (zur Vermeidung von Küchendunst im Wohnzimmer)
  • Speisekasten mit Luftabzugsöffnung in der Außenmauer (anstelle eines elektrischen Kühlschrankes)
  • Sockel (zur besseren Reinigung des Fußbodens)
  • Müll- und Besenschrank (anstelle eines elektrischen Staubsaugers)
  • Fensterbrüstung (zum Abstellen von Gegenständen ohne Behinderung beim Öffnen des Fensters)
  • Schiebetüren bei Hängeschränken (zur Vermeidung von Unfällen)

Ferner sind diverse arbeitssparende Einzelheiten nennenswert:

  • Spülbecken (optimale Anordnung von zwei Spülbecken, Tisch, Abstellfläche, Abtropfbrett und -gestell)
  • Kochkiste mit emailliertem Deckel (zum Abstellen von heißen Töpfen und Verwendung als Thermophor)
  • Arbeitstisch aus Buchenholz und emaillierte Küchenabfallrinne (Arbeitsfläche mit Sitzgelegenheit und schneller Abfallentsorgungsmöglichkeit)
  • Aufbewahrung trockener Lebensmittel (beschriftete Aluminium-Schubkästen mit Griff und Dosiermöglichkeit)
  • künstliche Beleuchtung (bewegliche Schiebelampe an Deckenschiene)
  • Bügeln (an der Wand befestigtes Bügelbrett, am Rand der Spüle auflegbar)
  • zwei herausziehbare Platten aus Unterschrank (zur Vergrößerung der Abstellfläche)

Nachstehende Besonderheiten sind in der Küche vorzufinden:

  • große Schublade aus Eichenholz für Mehlvorräte (zur Vermeidung von Mehlwürmern)
  • Topfschrank mit verstellbaren Leisten im Innenraum und Luftschlitzen (zum abschließenden Trocknen der Kochtöpfe)
  • Farbe Blau für Holzteile (zur Abwehr von Fliegen)

Bei der Gestaltung der Frankfurter Küche wurden ganz bewusst gestalterische Mittel wie harmonische Verteilung der Kuben, gute Proportionen, Lichteinfall und Farben eingesetzt. Dadurch wurde über die pure Funktion hinaus ein Raum mit ansprechendem Wohnwert geschaffen.[13] [14]

Bedeutung

„Die Frankfurter Küche […] ist d a s Manifest der Architekturauffassung von Margarete Schütte-Lihotzky.“[15] Mit der Ermittlung von kürzesten Wegen zur Verrichtung der Hausarbeit und der damit verbundenen Einschränkung der Kraft- und Zeitvergeudung leistete sie wahre Pionierarbeit. Jedoch bezieht sich diese Errungenschaft nicht nur auf die Hausarbeit, sondern bedeutete auch eine Hilfestellung für die Emanzipation der Frau.[16] Außerdem hatte die Konstruktion dieser Küche einen erheblichen finanziellen Vorteil für den Wohnungsbau, wenn man betrachtet, dass die entwickelte Küche in mehr als 10.000 Wohnungen in Frankfurter Siedlungen eingebaut wurde. Die Baukosten konnten wesentlich reduziert werden, da auf damals handelsübliche, d. h. große Küchenmöbel verzichtet werden musste, um die geringen Ausmaße des Raumes und den vorgeschriebenen Weg zum Esstisch (3 m) einzuhalten.[17] Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frankfurter Küche der Inbegriff der Rationalisierung im Wohnungsbau ist, was sich eindeutig in Weg-, Zeit- und Arbeitsverkürzungen widerspiegelt.[18] Das Konzept der Frankfurter Küche gilt als Urtyp der modernen Einbauküche.

Siehe auch ähnliche Themen:

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