Einküchenhaus
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Das Einküchenhaus
In diesem Kapitel wird näher auf die historische Konzeption des Einküchenhauses und deren Wirkungsumfang für die nachfolgende Entwicklung der Hauswirtschaft eingegangen.
Begriffsklärung
Unter dem Begriff des Einküchenhauses wird das im Jahr 1900 von der Sozialdemokratin Lily Braun (1865-1916) in der „[…] sozialistischen Debatte über Wohnungsreform und Frauenemanzipation […]“ vorgestellte Konzept einer Gemeinschaftseinrichtung verstanden. Mit der auch Zentralküchenhaus genannten Erfindung schuf sie eine grundlegende Idee zur Reform der Hauswirtschaft. Lily Braun, geborene Amalie von Kretschmann, war Tochter eines preußischen Generals adeliger Herkunft. Als SPD-Mitglied versuchte zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung zu vermitteln und propagierte als eine der Führerinnen der deutschen Frauenbewegung neue Formen des Zusammenlebens.
Entstehungsgründe
Wesentlichen Einfluss auf die Entstehung des Einküchenhauses übte neben der Doppelbelastung der Frau, bedingt durch ihre Erwerbstätigkeit, der zuweilen negative Einfluss der Küche auf den Zusammenhalt der Familie bzw. das soziale Leben aus. „Das Einküchenhaus soll den gesellschaftlichen Fortschritt, der Entlastung vieler [berufstätiger] Frauen und der Lösung der ,Wohnungsfrage’ dienen.“ Ein weiteres Ziel des modellhaften Wohnkomplexes sollten der Versuch einer gemeinschaftlichen Bewältigung (in Form einer Vergenossenschaftlichung) von materiell-technischer Hausarbeit und ökonomische Vorteile sein. Die Haushaltswissenschaftlerin Prof. Hiltraud Schmidt-Waldherr beschäftigte sich intensiv mit der neuen Wohnform der zwanziger Jahre und konkretisierte die Wünsche und Hoffnungen der Initiatorin. „ Von dem Einküchenhaus erhoffte sich Lilly Braun u.a. • Eine umfassende Wohnungsreform, die die Lösung der Wohnungsprobleme der Proletarier ermöglichen würde, • Eine Ernährungsreform, die den Dilettantismus in der Ernährung der Menschen beenden würde, • Eine Erziehungs- und Bildungsreform mit dem Ziel, die Kindererziehung durch geschultes Personal zu verbessern, • Die Professionalisierung bzw. Verberuflichung von Haus- und Heimarbeit, durch die sowohl die Hausfrauen- und Dienstbotenfrage als auch die Heimarbeiterinnenproblematik gelöst werden könnte, • Allgemein die Frauenemanzipation, nicht zuletzt als Ergebnis der Befreiung von Hausarbeit, • Eine umfassende Familien- und Lebensreform, ermöglicht durch kollektive Wirtschaftsführung und ein von Hausarbeit befreites Familienleben.“
Gestaltung
Im Folgenden wird näher auf die Gestaltung des Einküchenhauses mit dessen Einzelheiten eingegangen, welche Lily Braun 1901 in einer „[…] Broschüre unter dem Titel ,Frauenarbeit und Hauswirtschaft’ […]“ veröffentlichte und die im weiteren Verlauf beschrieben wird:
Der Häuserkomplex mit bepflanztem Garten umschließt 50-60 Wohnungen, die weder eine Küche noch eine Waschküche besitzen. Die sich im Erdgeschoss befindliche Zentralküche bietet für etwa 10-15 Personen genügend Platz zum Kochen. Mit Hilfe einer Vielzahl von modernen arbeitssparenden Küchenmaschinen und -geräten sorgen sie für Verpflegung der Bewohner der Gemeinschaftseinrichtung. Als nützliche Geräte sind die Abwaschmaschinen nennenswert, „[…] die in drei Minuten zwanzig Dutzend Teller und Schüsseln reinigen und abtrocknen […]“ können. Zur kollektiven Nutzung stehen mehrere Gemeinschaftsräume wie der Esssaal, der Vorratsraum, die Waschküche mit „[…] selbsttäthigen [!] Waschmaschinen […]“ zur Verfügung. Die gemeinsame Waschküche soll den in leitender Position hauswirtschaftlich ausgebildeten Frauen als Arbeitsplatz dienen. Des Weiteren kümmern sich Wärterinnen um die Kinderbetreuung während der Arbeits- oder Freizeit der Mütter. Durch die Installation von Speiseaufzügen soll man die Gelegenheit bekommen, je nach Wunsch im engen Kreis der Familie essen zu können. Zu dem Wohnkomplex gehört außerdem eine Zentralheizung, welche die 50-60 Öfen in den einzelnen Wohnungen ersetzt. Kleine Variationen in der Aufteilung wie das Weglassen des Speiseaufzuges sind möglich.
Bedeutung
Die Bedeutung des Einküchenhauses muss differenziert betrachtet werden. Zunächst rief das Konzept von Lily Braun mit den damit verbundenen Vorstellungen breiten Widerstand hervor. In den Publikationen bezeichnete die bürgerliche Presse das Einküchenhaus-Projekt als „Zukunftskarnickelstall“, „[…] in dem sich ,das Familienleben auf das Schlafzimmer beschränkt’“. Darüber hinaus sah man die Kultur der Familie als gefährdet an, da Dienstboten als charakteristisches Merkmal für Kultur galten. Grundlegende Kritik am Modell der Gemeinschaftseinrichtung äußerten SPD-Mitglieder. Vor allem Clara Zetkin warf ihr bereits vor Veröffentlichung der genannten Broschüre („Frauenarbeit und Hauswirtschaft“) parteischädigendes Verhalten vor. Im Gegensatz zu ihrer Parteigenossin forderte sie: „erst Revolution, dann Haushaltsreform!“. Als Argument führte sie die Umstände einer möglichen Realisierung an. Allein in der Arbeiteroberschicht wäre das Einküchenhaus finanziell umsetzbar gewesen. Allerdings entsprachen die sozialen Ansichten der potenziellen Bewohner nicht dem ausgearbeiteten Konzept von Lily Braun, da diese die Berufstätigkeit der Frau weder benötigten noch forcierten. Letzteres galt vor allem für die Männer, die darüber hinaus keine Bereitschaft für eine Haushalts- und Familienreform aufbrachten. „In der Sozialdemokratie […] gewann die Position des proletarischen Antifeminismus, der Edmund Fischer 1905 in seinem Aufsatz ,Die Frauenfrage’ noch einmal Ausdruck verlieh, an Verbreitung […]“ . Er stufte das Einküchenhaus als „[…] utopischen Traum […]“ ein. Zusätzlich stellte er die Frauenemanzipation einer undurchführbaren Unnatur gleich, da sie seiner Auffassung nach nicht nur der weiblichen, sondern auch der menschlichen Natur widerstrebt. Letztendlich konnte sich das Projekt des Einküchenhauses nicht durchsetzen, weshalb es als gescheitert angesehen werden kann. Ursachen dafür sind einerseits im politischen Widerstand, andererseits in der ablehnenden Haltung der Arbeiterfamilien gegenüber einer Zentralisierung der Hausarbeit zu suchen. Wiener Arbeiterinnen fanden, „[…] daß [!] das Einküchenhaus […] eine Art ,Zwangseinrichtung, bestenfalls […] eine unerwünschte Kopie von Werkskantinen’“ sei. Sie hatten Angst vor der Mechanisierung im Beruf, die sich vermutlich auf die Hausarbeit übertragen würde und befürchteten den Verlust von individueller Lebensgestaltung in dem Bereich der Hausarbeit. Viel mehr waren die Hausarbeiten eng an Familienrituale und -beziehungen geknüpft, wodurch auch die sozialen Bedürfnisse befriedigt wurden. Die Auseinandersetzung über die Frauenfrage in den zwanziger Jahren beinhaltete einen Rekurs auf die „[…] Diskussion über die Reduktion bzw. Abschaffung der privaten Hausarbeit durch Formen der Kollektivierung […]“ . Im Verlauf dieser Debatte wird der Genossenschaftsgedanke durch eine Hinwendung zur Rationalisierung im privaten Haushalt abgelöst. „Die zuvor in der Einküchenhausbewegung arbeitenden sozialistischen Architekten/innen wendeten sich dann der Rationalisierung der privaten Haushalte durch die Standardisierung der Wohnung und der ,neuen Küche’ zu.“ Margarete Schütte-Lihotzky, eine der beteiligten Architektinnen, entwickelte später die Frankfurter Küche. Neben dem Wohnungsbau und der Innenarchitektur spielte diese Innovation auch für die Rationalisierung der Hausarbeit eine außerordentliche Rolle.
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