Berufswahl als Entwicklungsprozess

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von Michael Bolz (siehe ergänzend hierzu die Einträge Krisen und Selbstkonzept)


Der Ansatz ist, dass Berufswahl als keine zeitlich isolierte Handlung zu sehen ist, sondern der Abschnitt eines Entwicklungsprozesses [Zeitraum bis einschließlich zum Zeitpunkt der (Berufs)Entscheidung]. Die Berufswahlsituation [wofür will ich mich entscheiden] entsteht aus der Entwicklungsgeschichte und Sozialisation heraus [im Allgemeinen] – im Einzelfalle sind diese Punkte etwa aus der Biographie des Individuums heraus zu verstehen. Wofür man sich letztendlich entscheidet, beispielsweise Metzger, Lehrer o.ä. ist abhängig von den ganz eigenen Erfahrungen, der Sozialisation und den Entscheidungen die man diesbezüglich trifft.

Das Bild, das man von sich selbst hat, nennt man Selbstkonzept. Metaphorisch betrachtet ist es gemalt mit den Farben der individuellen Erfahrungen und diese Erfahrungsfarben sind in einem Wassermalerfahrungsfarbkasten [das indiv. Ordnungssystem] geordnet und integriert. Wäre beispielsweise Grün die Farbe für Auslandserfahrung, würde dem Bild [Selbstkonzept] diese Farbe fehlen, wenn diese Erfahrung noch nicht gemacht wurde. Dieses Bild, dass man von sich selbst hat determiniert [bestimmt, entscheidet und begrenzt] die Möglichkeiten in Bezug auf die Wahl des Berufes und damit die berufliche Entwicklung. Das Selbstkonzept als Bild ist per se nur ein Teil des großen und ganzen Gemäldes, was man individuelles Gesamtkonzept nennt.


Inhaltsverzeichnis

Einschübe zur tieferen Erläuterung:

Lernen: Man lernt immer so, wie man denkt, dass es einem nützt und die Art Informationsaufnahme ist natürlich bestimmt durch die individuelle Entwicklung und Sozialisation. Wenn ich Bankangestellter werden möchte, dann forsche ich entsprechend die Sachverhalte, die mich da weiterbringen, weil mir für sonstiges Wissen die subjektive Relevanz fehlt. Einen Schreinermeister werden demnach die neuesten Ergebnisse der psychologischen Hirnforschung nicht sehr interessieren - prinzipiell würde ich diesen Sachverhalt eine Spezialisierung nennen.

Zusammenfassend: Mein ganz individuelles Weltbild ist das große Ordnungssystem, indem ich meine Handlungen und Erfahrungen organisiere und für mich entsprechend bewerte. Mit der Wahl eines Berufes übernimmt man eine Rolle, die sozialen Normen und Erwartungen vorgibt und mit Chancen zur Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung verbunden ist. Umgekehrt orientiere ich mich entsprechend an sozialen Normen und Erwartungen. Man wird beispielsweise Polizist [die Rolle], um für Ordnung zu sorgen [Erwartung], das heißt auch, dass man diese Ordnung einhalten sollte [die damit verbundenen Normen bzw. Gesetze]. Überspitzt gesehen: Als Polizist kann man den Radfahrern auf der Staße zeigen, wer der „Kompetenzinhaber“ ist [Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung]. Das Selbstkonzept [als Teil des indiv. Gesamtkonzeptes] wird durch eine Rollenübernahme [Polizist] in eine bestimmte Richtung entwickelt. Diese Entwicklung ist bis zu einem bestimmten Grad irreversibel. Gemeint ist, dass eine Entscheidung für eine Richtung [Beruf] bedeutet, dass diese Richtung mehr oder weniger ausgeprägt beibehalten werden muss – tendenziell, womit natürlich – in beruflicher Hinsicht – eine Einschränkung verbunden ist – will ich das in zwanzig Jahren noch machen? Gibt es dann noch gesellschaftliche Anerkennung für den Beruf?


Vertiefung: Irreversibilität bzw. Reversibilität der beruflichen Entwicklung:

Jede Entscheidung steht in einem sinnvollen Zusammenhang, mit den vorhergehenden Entscheidungen und Überlegungen und den folgenden Beschlüssen und deren erwarteten Auswirkungen. Jede Entscheidung verringert prinzipiell die Zahl potentieller Alternativen. Einschneidende berufliche Entscheidungen sind nicht mehr ungeschehen, ihre Folgewirkung nicht mehr rückgängig zu machen, denn davon ist alles weitere Geschehen abhängig – einschränkend abhängig. Wenn berufliche Fähigkeiten nicht auf einen anderen Beruf übertragbar sind; wenn häufiger Berufswechsel als Scheitern angesehen wird [weil die Gesellschaft erwartet, dass man auch unter ungünstigeren Bedingungen den Beruf ausführen könnte], spricht man von Irreversibilität. Man geht weiter davon aus, dass der berufliche Entscheidungsprozess subjektiv reversibel ist (Kohli (37), S. 17). Aber der berufliche Entscheidungsprozess innerhalb einer Gesellschaft und deren Anforderungen und Ansprüche wäre demnach objektiv irreversibel. In anderen Worten würde das diesbezüglich eine Einschränkung der Individualität [subjektiv] durch die Gesellschaft (objektiv) bedeuten. Die Frage ist, inwieweit das richtig oder sinnvoll sein kann, ohne in die Menschenrechte, -würde und so weiter einzugreifen, womit wir schon zur Kritik kommen.


Kritik am Ansatz:

Es bleibt zu prüfen, ob die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten [über beispielsweise die Berufswahl] durch gesellschaftliche „Objektivität“ zu sehr eingeschränkt sind und damit in ihrer Einschränkung auf die Gesellschaft rückwirken. Das man als Teil einer Gesellschaft eine Rolle hat – Betreff: Das Einzelne genauso [wichtig] wie das Ganze im Verbund – ist klar, aber dass man eine Rolle „spielen“ muss, nicht sollte, wie es empirisch belegt gängige Praxis, weil die Gesellschaft nicht die Möglichkeit bietet – kreativ gesehen – einen eigenen Beruf zu erfinden oder zuzulassen, weil etwa ihr Wirtschaftssystem ausschließlich auf Gewinnmaximierung und Kommerz ausgerichtet ist, insofern Erfahrungen und Sozialisation unbewusst einseitig verlaufen, wenn ich nicht bewusst drauf achte, verweist darauf, dass vielmehr die gesellschaftliche „Objektivität“, als das subjektive „Selbstbild“ überprüft werden sollte, damit eine Berufswahlentscheidung, nicht wie hier im Text, als Problem bezeichnet wird. Im Text klingt es nämlich so, als wäre sich der Entscheidende seiner Entscheidung, seinen Erfahrungen, seiner Sozialisation, den Anforderungen usf. bewusst und das ist doch im Falle von Hauptschülern, Berufsschülern u.a. ganz sicher nicht die Basis – im Gegenteil, ein Arbeitsansatz!

Der Text formuliert darüber hinaus auf psychologischer Ebene die Rückwirkung der gesellschaftlichen Ansprüche bzw. der daraus entstandenen Strukturen – auch die des sozialen Marktes – in ihrer offiziell anerkannten Richtig- und Wichtigkeit – ohne sie zu kritisieren [außer in Bezug auf die Irreversibilität, die ist aber nur relativiert und rückt den oben genannten Kritikpunkt erst recht ins Licht].

Oben wird gesagt, dass das Selbstkonzept der Grund ist, wie ich mich wann wofür entscheide. Die weiteren Zusammenhänge setze man voraus. Diese Entscheidung ist mir dadurch zwar nicht ganz genommen, aber doch eingeschränkt. Es wird aber zuwenig der konkrete Zusammenhang zwischen Selbstbild und Gesamtbild und Gesellschaft in deren Korrelation betrachtet, der Mensch dadurch typisiert – wohl der Vereinfachung wegen, die solche Ansätze beinhalten. Wofür ist der Ansatz dann gut? Um Rückschlüsse auf Einflüsse, Anforderungen, Erfahrungen, Sozialisation und so weiter ausmachen zu können – und daraus verstehen zu lernen, dass sich Verhältnisse eventuell ändern ließen. Endlich: Abgesehen davon, dass diese Lernhaltung generell rein utilitaristisch, um nicht zu sagen merkantelistisch, sprich, wirtschaftswissenschaftlich geprägt formuliert ist, man könnte auch sagen – neoklassisch, wie unsere „soziale“ Marktwirtschaft.

Hinweis: Dieser Artikel bezieht sich direkt auf die hier angegebenen Artikel: Krisen und Selbstkonzept


Literatur:

Behrens, G./Hoppe, M: Berufswahl als Problem. Studienbrief 2, Hrsg. vom DIFF. Weinheim, Basel: Beltz, 1984 (S. 79 - 83) Popper, Karl R.: Alles Leben ist Problemlösen, München 1994

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  • --Kristina Köhnlein: Dieser Artikel ist ok und muss wegen fehlender Zitiertechnik/Einzelnachweise überarbeitet werden. Weitere VErbesserungen möglich bei Inhaltsverzeichnis, Verlinkungen und Kategorien.
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